Mit Heimat lässt sich nicht enden – Carolin Emcke über allzu Vertrautes

emcke Dem Festklammern am Nationalstaat und am angeblich originären, schützenswerten kleinen Landes-Garten in Zeiten von Brexit und europäischen Rechtspopulismen könnte man diese heilsamen Gedanken von Carolin Emcke entgegensetzen, die sie in einem (besonders ab Timecode 28.00) hörenswerten Interview vom Januar 2016 vorschlägt.

„Heimat ist auch nur das, womit sich beginnen, aber nicht das, womit sich enden lässt. Vielleicht kann man sagen, Heimat ist das, was wir gemeinsam herstellen müssen“, sagt die Publizistin im Kontext des Themas Kriegsflüchtlinge in Europa.

„Was ist denn Europa? Europa ist immer eine Region der Vielfalt, natürlich auch der Widersprüche und der ausübenden Gewalt anderen gegenüber gewesen – ob das jetzt die furchtbare deutsche Geschichte ist, die Shoah und die zwei großen Kriege waren, ob das die Kolonialkriege und die Gewalt in den Kolonialstaaten waren. Das ist auch die Tradition Europas“, erinnert die vielgereiste und langjährige Kriegsreporterin, die auf ihren Reisen der Gewalt direkt ins Gesicht sah und darüber schrieb. Die Gewalt-Expertin erinnert mit Blick auf Ängste gegenüber angeblich „gewaltbereiten und anti-demokratischen“ Migranten daran, dass wir doch gerade in Europa auf besonders blutgetränktem Boden wandeln: „Man soll jetzt also nicht so tun, als ob (mit den Kriegsflüchtlingen) da Menschen zu uns kommen, die besonders mit Gewalt verwoben wären, wohingegen wir das in Europa gar nicht kennten – das ist auch beschönigend im Blick auf die eigene Geschichte.“ An dieser Stelle fällt mir die Iniative Hoaxmap ein, die Erzählungen über angeblich kriminellen Asylbewerbern in Deutschland sammelt, diesen nachgeht und sie als Gerüchte enttarnt – ein lobenswerter Beitrag zum Unterscheidungsvermögen in der immer hysterischer werdenden Debatte über Zuwanderung in Deutschland.

Gerade von Kriegsflüchtlingen habe sie recht klare Bekenntnisse zu Werten gehört, die Europäer sich gern auf die Fahnen schreiben, fährt Emcke fort: „Wenn man mit ihnen (syrischen Kriegsflüchtlingen) spricht – ich hab selten solche Bekenntnisse zu Europa, zu Demokratie, zu Freiheit und dem Rechtsstaat gehört. Kein Europäer spricht mehr so, wie diese syrischen Flüchtlinge sprechen! Man hat das Gefühl, die verkörpern viel mehr die Ideale, die ihnen jetzt gelegendlich vorgehalten werden, als ob sie nicht dazu passten. Das (die Kriegsflüchtlinge und ihre Aufnahme) ist natürlich auch eine Aufgabe, die Schwierigkeiten birgt, aber ich nehme sie zunächst einmal als Geschenk wahr.“

Und ein Seitenhieb auf die arrogante Perspektive der neuen Nationalisten ist in dem Interview auch noch drin. Wenn es darum geht, aus dem reichen, sicheren, demokratischen Deutschland heraus Urteile zu fällen, schließt sich die Journalistin klugerweise selbst ein: „Es ist natürlich auch ein absolut unverdientes Privileg, in einem Land geboren zu sein, in dem ich friedlich aufwachsen durfte – dafür habe ich nichts getan, das ist ein Geschenk, sozusagen auch Zufall, wo man geboren ist. Man soll nicht glauben, dass man sich das hier verdient hätte“, so Emcke, die übrigens den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2016 erhalten wird. Eine gute Entscheidung, wie ich finde.

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