James Foley: Todes-Rap in den News

Gestern abend TV-Spätnachrichten auf Rai News 24. Merkel in Kiew, Renzi zur Europa-Politik, Abbas nach Blutvergießen gesprächsbereit, Chaos im Irak, neue Luftangriffe der USA… und dann ein Videoausschnitt.

Ein junger Mann mit kurzgeschorenen Haaren, in ein rötliches Gewand gehüllt. Gespannter Gesichtsaudruck, Blick ins Unbestimmte, er zittert. Daneben ein anderer Mann, ganz in Schwarz, verhülltes Gesicht, mit einem Messer in Hand, provozierend in die Kamera rufend,  brutale Gestik.

Es sind die letzten Augenblicke im Leben des Reporters James Foley, die hier gezeigt werden, kurz vor seiner Hinrichtung. Als sein Tod im Video kommt – CUT – wird der Film abgebrochen und der Nachrichtensprecher redet weiter. Im sachlichen Ton natürlich, wir sind ja hier in den Nachrichten.

Man ist ja Einiges gewohnt vom Fernsehen, vom überbordenden „Nachrichten“-Mix aus Krieg, Politik, Skandal und buntem Gesellschaftstalk. Aber das hier markiert dann doch eine neue Schwelle. Die letzten Momente eines Menschen vor seinem Tod, einem gewaltsamen, schrecklichen Tod, der Augenblick, vor dem die Klinge seine Gurgel durchtrennt, seine letzten Atemzüge, sein Zittern, sein Blick, ausgestellt als Trophäe durch Terroristen, die genau das wollen – dass diese Bilder um die Welt gehen. Und ein Nachrichtensender, der seriös und sensibel mit Informationen, Bildern und Zeugnissen des Weltgeschehens umgehen sollte, stellt sich in den Dienst dieser neuen Generation von Terroristen, stellt Voyeurismus einen Moment lang – den entscheidenden Moment lang – über Information.

Irgendwann in derselben Nachrichtensendung kommt dann noch ein Hintergrundbericht über den mutmaßlichen Mörder Foleys, ein in GB aufgewachsener Rapper ägyptischer Abstammung, der nach seiner Karriere als Popstar irgendwann durchknallt und entscheidet, in den Dschihad zu ziehen. Es wird dann natürlich noch ein Ausschnitt aus einem seiner Musikvideos gezeigt, cooler Rhythmus, souveräne Wortakrobatik. Er war ein erfolgreicher Popstar, der junge Mann, der dann später in den Krieg zog und (mutmaßlich) zum skrupellosen Mörder wurde.

Zwei mal wird hier eine Plattform gegeben, eine Bühne: Ein Opfer, in Todesangst, und ein Henker, in einer Pose der absoluten Überlegenheit. Tatsächlich schwingt der Mörder sein Messer so elegant wie ein Rapper seine schlingernden Arme. Diese perverse Assoziation entsteht – nur dass ich hier keinen Film und auch kein Musikvideo schaue, sondern ein Todesvideo in einer Nachrichtensendung.

Mit Berichterstattung hat diese Form der Präsentation für mich wenig zu tun. Warum wählt man ein Video, um ein solches Geschehen zu erzählen? Es ist schon klar, dass auch Nachrichtensendungen in der bunten, schnellen Live-Bilderwelt mithalten wollen. Das aber mittels der realen Not von Menschen auf diese Art und Weise durchzudeklinieren, ist respektlos.

Als die Zwillingstürme live zusammenstürzten, hätte man sie – allein vom Bild her, mit einem Alien-Blick – auch einfach als zwei Gebäude ansehen können, die in sich zusammenfallen. Schlimm genug. Beim Videoausschnitt mit Foley und seinem Henker hätte selbst ein Alien die Todesangst gesehen, die Foley zum Zittern brachte. Eine solche Angst gehört zum Vokabular der universellen Sprache. Und die neuen Blut-und-Bild-Terroristen, so könnte man sie wohl nennen, nutzen das weltumspannende Netz der Information, um mit dieser Sprache ihr Gift in Umlauf zu bringen.

Eine seriöse Nachrichtenredaktion sollte so etwas erkennen. Und sie sollte menschliche Intimität, so gut es eben geht, wahren und schützen. Dazu gehört der allerletzte Moment vor dem Tod. Eines Mannes, eines Sohnes, vielleicht Ehemanns und Vaters, Freundes, Kollegen.

Man kann fragen: Was wäre die Alternative gewesen? Es gibt Alternativen. Gegen diese Form von Terrorismus kann man auch in den Medien kämpfen. Gerade in der heute von Bildern und Filmen strotzenden Nachrichtenwelt. Es gibt die Möglichkeit, mit Worten und mit Bildern, und zwar Fotos (die wesentlich distanzierter sind, wesentlich mehr Raum lassen für den Zuschauer und sein Nachvollziehen, und die die Intimität des Abgebildeten viel mehr wahren als ein Video) Sachverhalte zu schildern. Ein Foto des Reporters, ein professionelles und einfaches Passfoto, hätte in dieser Nachrichtensendung gereicht. Rai News 24 (und wahrscheinlich viele weitere Fernsehnews-Portale) sind dagegen auf das Pferd der Nachrichtenvermarktung aufgesprungen.

 

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