Good news, aber wirklich

JOURNALISMUS / Schreibt mehr „good news“! Unter dem Stichwort „Constructive Journalism“ wird in der Journalismusbranche aktuell der Ruf nach Themen und Geschichten lauter, die nicht mit Blutvergießen, Skandalen oder Fehlentwicklungen zu tun haben, sondern mit dem Geglückten und Hoffnungsvollen. Rosa Brille oder fällige Korrektur?

Schreibt mehr „good news“ und die Welt kann sich ändern. Was sich zunächst kitschig anhören mag, ist eine notwendige Korrektur, findet Ulrik Haagerup: „Wir Journalisten zeichnen sonst ein falsches Bild von der Wirklichkeit“, so der Infochef des dänischen Rundfunk DR im Interview mit dem Standard: „Wir müssen unsere Filter bei der Wahrnehmung der Welt anders justieren. Unseren Nachrichten – und da spreche ich nicht von Entertainment- oder Lifestyle-Stories – lassen die Menschen depressiv werden – oder sie wenden sich von den traditionellen Medien ab.“

Die Idee sei nicht, dass Journalisten Lösungen liefern, stellt der Medienprofi klar. Das sei eine Aufgabe der Politik. Aber:  „Wir können die Aufbereitung von Nachrichten bestimmen – etwa ob wir zwei Menschen in einer Studiodebatte aufeinanderkrachen lassen. Oder ob wir vielleicht auch zu Lösungen zwischen den beiden inspirieren können.“ Konstruktiv wäre etwa, „nach positiven Erfahrungen zu suchen und sie zu präsentieren“.  Journalismus sollte der Gesellschaft schließlich nützen, in der er sich bewegt, so Haagerup.

Was der Kollege da fordert, steht dem aktuellen Trend in der Branche entgegen: Ein unerbittlicher Wettbewerb, digitale Schnelllebigkeit und zu wenig Zeit für wirklich gute Reports und Geschichten lassen viele Medienunternehmen überdurchschnittlich auf schnellen Skandaljournalismus und vermeintlich investigative Recherchen setzen. Wenn’s knallt, heult, blutet und empört, rollt der Rubel, so die knallharte Rechnung. Knallhart ist das vor allem für „tote Syrer“, „hungernde Afrikaner“ und „missbrauchte Heimkinder“, die medial an die Konsumenten verfüttert werden. Hart ist es auch für viele Jungjournalisten, die ihre Berufsideale schon mit dem ersten prekären Vertrag über Bord werfen.

Das Problem kennt wohl jeder ein wenig, der im Journalismus arbeitet: „Bad news“ haben fast schon so eine Eigendynamik, es knallt irgendwo und man berichtet, möglichst sachlich, möglichst faktengetreu, möglichst schnell, ein paar Einordnungen und Reaktionen, auch Kritik, fertig. Bei „good news“ ist es schon schwieriger: Werbung will man ja dabei nicht machen, auch nicht kitschig, moralisch oder besserwisserisch sein. Kann man bei „good news“ wirklich unparteiisch sein? Oft fängt „good news“ ja auch erst da an, wo für viele „bad news“ schon durch ist, da heißt es dranbleiben, abwarten, schauen, was nachwächst oder auch mutiert. Dass braucht Zeit, Geduld, Beobachtungsgabe – alles Dinge, die sich im Mediengalopp heute viele einfach nicht mehr leisten wollen.

Wäre Franziskus ein Journalist, hätte er jetzt sicher die richtige Antwort parat, so nach dem Motto:  „Die frohe Botschaft? Na logo, das ist doch mein täglich Brot, sonst würd ich doch den Knochenjob hier nicht machen!“

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