Volksnähe ohne Panzerglas

VATIKAN / Papst Franziskus war im Juli 2013 zu seiner ersten offiziellen apostolischen Reise in Brasilien beim Weltjugendtag.  Er hat der Politik ins Gewissen geredet, der Kirche des Kontinentes Orientierung gegeben, doch im Gedächtnis bleiben die Volksnähe dieses Papstes und Franziskus‘ Begegnungen mit Menschen am Rande der Gesellschaft.

Bei seinen ausgedehnten Fahrten durch die Pilgermassen am Strand von Copacabana war Franziskus ein Papst zum Anfassen. Gegen die Empfehlungen der vatikanischen und brasilianischen Sicherheitsdienste hatte er sich für das halboffene Papamobil entschieden, von dem er häufig abstieg, um Pilger zu umarmen, Kinder zu herzen oder zwischendurch mal einen Matetee zu trinken. „In einer Glaskiste kann man schließlich keine Freunde besuchen!“, sagte der Papst, „entweder alles oder nichts“ und: „Halbherzige Kommunikation tut nicht gut!“

Diese Kontaktfreude brachte nicht wenige Sicherheitsbeamte in Rio ins Schwitzen. So gab es bei der Autofahrt vom Flughafen Richtung Präsidentenpalast einen Engpass, als Pilgermassen das Gefährt für einen Augenblick stoppten. „Ist für die Sicherheit des Papstes ausreichend gesorgt?“, fragten besorgt Journalisten. Die Pilger versicherten: „Wir beschützen Franziskus!“ Der Vatikan nahm’s erstaunlich gelassen: „Wir lernen halt was Neues“, kommentierte Vatikansprecher Federico Lombardi schmunzelnd die teilweise turbulenten Szenen: „Der Papst liebt das Volk, und die Pilger lieben den Papst, da können die Emotionen schon mal überschäumen.“

Der Papst in der Favela

Noch mehr in seinem Element war der Papst fernab der bombastischen Kulissen, beim Zugehen auf Arme, Kranke und Kriminelle. Abgeschirmt von der Öffentlichkeit traf er sich mit jugendlichen Straftätern, und auf eigenen Wunsch fügte er einen Abstecher in ein Rehabilitationszentrum für Drogensüchtige in das Reiseprogramm ein. Drittens ging er an den Ort, der nahezu symbolhaft für zentrale Probleme des Kontinentes steht: in die Favela. Franziskus‘ Gang durch das Armenviertel Varginha im Norden von Rio war einer der stärksten Momente seiner Reise, auch für ihn selbst: „Seid eine arme Kirche für die Armen“ ist ein Herzstück der Mission von Jorge Mario Bergoglio, der Armut, soziale Ungerechtigkeit und die ungleiche Verteilung von Ressourcen aus seiner eigenen Heimat gut kennt. Und bei der Weihe des kleinen Altars in der Gemeindekapelle von Varginha konnte man dann einen Papst erleben, der den Tränen nahe war.

„Der Maßstab für die Größe einer Gesellschaft liegt in der Art, wie sie die behandelt, die am meisten Not leiden, diejenigen, die nichts besitzen als ihre Armut“, redete Papst Franziskus Brasiliens Führung von Varginhas lehmigen Fußballfeld aus ins Gewissen. Und er kehrte dort in der Baracke einer Brasilianerin ein, die aus Scham über die eigene Armut nie Besuch empfangen hatte. Franziskus hat hier das riesige Loch ausgeleuchtet, das in Brasilien klafft – er hat mit dem Finger auf die große Schere zwischen den Armen und den Reichen, zwischen Bürgern, die sich ihre Zukunft kaufen können und solchen, die den Kreislauf der Armut niemals verlassen, gezeigt.

Dem BRICS-Staat Brasilien dürfte das gerade jetzt einen Stich ins Herz versetzt haben: So kurz vor den Fußballweltmeisterschaften und den Olympischen Spielen, die beide in den kommenden Jahren in dem Land ausgetragen werden, soll nichts die Vorfreude der Welt und das damit verbundene Milliardengeschäft trüben. Stichwort Armut – Brasilien hat in den vergangenen Jahren zwar schon viele Millionen Menschen über die Armutsschwelle gehoben. Der wirtschaftliche Fortschritt des Landes geht aber immer noch am Großteil der Bevölkerung vorbei.

Dialog, Dialog, Dialog

Die Demonstrationen in verschiedenen brasilianischen Städten, die auch während des Papstbesuches nicht abrissen, sind ein Hinweis darauf. Sie haben zum ersten Mal seit Jahrzehnten in dem Land eine breitere Schicht erfasst, die ihre Unzufriedenheit mit der Landesführung ungeschönt zeigt. Der Papst ist in Rio auf den Umbruch des Landes eingegangen: Er rief Brasiliens Jugend dazu auf, sich zum Fürsprecher für mehr soziale Gerechtigkeit und zum Motor der notwendigen Reformen zu machen: „Tretet ein für Wandel, überwindet die Apathie und gebt eine christliche Antwort auf die soziale und politische Unruhe in euren Ländern“, sagte der Papst. Dafür brauche es „Dialog, Dialog, Dialog“, keine Gewalt.

Der Kirche des Kontinentes schrieb der Papst ins Stammbuch, sich noch stärker zum Förderer einer „Kultur der Begegnung“ zu machen. Die Papstrede an den lateinamerikanischen Bischofsrat CELAM wird die Kirche noch länger beschäftigen: Anknüpfend an das Grundlagendokument von Aparecida 2007 formulierte Franziskus einen Fragenkatalog, ein Programm für eine innere Erneuerung der Kirche – eine Erneuerung nicht nur im Blick auf die lateinamerikanische Kirche: „Sind wir eine Kirche, die dient? Eine, die mehr pastoral als administrativ ist, die selbstkritisch und synodal vorgeht?“ So könnte man den Papst hier zusammenfassen.

Kirche im 21. Jahrhundert

„Entweder alles oder nichts“ beschrieb Franziskus seine Vorstellung von Kommunikation und Begegnung in einem Interview mit dem brasilianischen Fernsehen „Globo TV“. Er selbst hat auf dem 28. Weltjugendtag in Rio de Janeiro viele unterschiedliche Kanäle des Kontaktes und der Begegnung genutzt. So besuchte er zum Beispiel auch noch spontan eine Radiostation in Rio, schnappte sich ein Mikrofon und wies die modernen Kommunikationsmittel als „Kanzel“ aus. Gesagt, getan – dieser Papst hat verstanden, was Kirche im 21. Jahrhundert sein kann.

„Mir tut alles leid, was Begegnung verhindert“, sagte einmal Jorge Mario Bergoglio. Volksnähe geht auch ohne großen Anlauf und zu viel Panzerglas – das hat Franziskus in Rio de Janeiro vorgemacht. Der Jugend muss man so was nicht erklären – und so war der Papst auf diesem Weltjugendtag auch ganz „zu Hause“.

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Ich habe im Juli 2013 aus Rio über die Papstreise berichtet. Der Artikel erschien im Jahrbuch 2013 von Radio Vatikan.

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