Utopie im Vatikan

VATIKAN / „Wir müssen doch normal sein“, sagte Franziskus auf seinem Rückflug von Rio nach Rom. Er hatte gerade seine erste Auslandsreise und gut vier Monate Pontifikat hinter sich, die alles andere als „normal“ waren – in der Abfolge auf dem Stuhl Petri und für das Gefolge des Papstes. Die Frage des italienischen Journalisten im Flugzeug, was der Papst denn wohl in seiner schwarzen Tasche habe, kam einem ein bisschen vor wie Rotkäppchens Frage an den verkleideten Wolf: „Ach Großmutter, was hast du so große Ohren und so lange Zähne?“ Franziskus antwortete ohne Häubchen und Spitzen, und in der Papsttasche lagen letztlich nur „ein Buch, ein Agenda und ein Rasierer“ – auch der Papst ist schließlich ein Mann.

So was finden viele sympathisch. Auch mich spricht die Einfachheit und Zugänglichkeit dieses Papstes an: Franziskus umarmt Pilger, plaudert mit Journalisten, wäscht Sträflingsfüße und verzichtet auf die Limousine. Und wo es was zu tun gibt in der katholischen Kirche, da packt er an, so scheint es: „Weg mit unnützen Ehrentiteln, Schluss mit undurchsichtigen Geldgeschäften und Seilschaften, raus aufs Schlachtfeld, Wunden verbinden!“, ruft er den Brüdern zu. Und auch für die Schwestern hat er Großes vor, zumindest Größeres als seine Vorgänger: Die Kirche braucht mehr Entscheiderinnen, sagt der Papst – das dürfte vielen Katholikinnen runtergehen wie Öl. Ich möchte gern zu Lebzeiten noch sehen, was daraus wird.

„Normal sein“ heißt für Franziskus – vereinfacht gesagt – da handeln, wo es was anzupacken gibt, da reinleuchten, wo‘s dämmert, da abschneiden, wo was die Sicht verstellt. Aber vor allem: normal bleiben, menschlich bleiben, inmitten von Strukturen der Macht und Tradition. Zu diesem Stil gehört für den Papst auch, Fragen zeitnah zu beantworten, mögen sie auch noch so abwegig sein. Und – ganz wichtig – Fragen zu stellen, wie es der neue Vatikan-Fragebogen zur Familie zeigt. Ist dieser Papst neugierig? Man könnte auch sagen: Fragen und Antworten sind Teil einer normalen Interaktion.

Ich vermute, dass man sich diese Lebendigkeit in einem Amt wie dem des Papstes nur erhalten kann, wenn man gut für sich sorgt. Notfalls auch mit Widerstand gegen vatikanische Gewohnheiten: „Ich muss unter Leuten leben, Einsamkeit tut mir nicht gut, da spare ich lieber den Psychologen“, erklärte der Papst seine Entscheidung, im vatikanischen Gästehaus Santa Marta wohnen zu bleiben und nicht in den Apostolischen Palast zu ziehen.

Was Franziskus da macht, nennen einige Leute „Revolution“. Mich wundert es eher, warum es so wundert, wenn ein Papst „normal“ sein will. Sicher – Franziskus‘ Stil hat in der Vatikanwirklichkeit etwas von Utopie. Doch sein teilweise sprödes Beharren auf dieser „Normalität“ ist beeindruckend. Das ist Bewegung in geronnener Ewigkeit – wie ein trotziges Kind, das in feiner Gesellschaft den Mund aufmacht, oder ein vorlauter Schüler, der die Schlüsselfrage stellt, oder ein Joker, der das Blatt noch einmal wendet. Die Lebendigkeit dieses Papstes hat im Vatikan derzeit (noch) etwas von Resistenz. Möge diese Kante nie abgeschliffen werden oder sich die Wirklichkeit ändern.

Dieser Artikel ist Teil des Jahrbuches 2013 von Radio Vatikan.

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