Hildegard von Bingen – ein Multitalent

Interview mit der Historikerin und Sachbuchautorin Barbara Beuys über Hildegard von Bingen, Oktober 2012.

Der Papst hat Hildegard von Bingen zur Heiligen der Universalkirche erhoben – Frau Beuys, Sie haben sich intensiv mit der deutschen Mystikerin auseinandergesetzt. Hildegard von Bingen war Klostergründerin und Theologin, sie ist berühmt für ihre Errungenschaften im Bereich der Musik und der Medizin, sie predigte sogar und unterhielt Briefwechsel mit den besten Köpfen ihrer Zeit – das scheint ja über die sonstigen Tätigkeiten von mittelalterlichen Ordensfrauen ziemlich hinausgegangen zu sein?

Barbara Beuys: Das kann man wohl sagen, und zwar nicht nur über die von Frauen, sondern auch über die Tätigkeiten, die Männer damals ausgefüllt haben bzw. über die Kenntnisse, die überhaupt überliefert worden sind. Wenn wir uns einmal erinnern: welche Namen sind uns aus dem elften und zwölften Jahrhundert bekannt, ich glaube, die kann man an einer Hand aufzählen. Während Hildegard alles überstrahlt.

Gern wird ja der esoterische Aspekt bei Hildegard von Bingen hervorgehoben: die Kräutermedizin und Naturheilkunde, ihre Visionen – mich interessiert von Ihnen zu hören: Was ist denn Hildegards theologisches Verdienst?

Ich glaube, durch die Aufnahme zur Heiligen der Universalkirche wird sie endlich auch einmal in der Kirche nach vorne geschoben als Theologin, denn sie ist eine ganz große Theologin, was man eigentlich bisher immer übersehen hat. Und ihre Bücher sind nicht nur prophetische Bücher, sondern theologische Bücher.

Und an der Theologie, die sie in diesen Büchern niedergelegt hat, was zu ihrer Zeit absolut ungewöhnlich war, kann man sehen, dass sie zur Avantgarde der Theologie gehörte. Und das lässt sich aufzeigen an der so genannten Erlösungstheologie bzw. der Interpretation der Theologen vom Kreuzestod Christi.

Diese Interpretation war bis ins 11. Jahrhundert, ohne dass man dagegen vorgegangen ist, folgende: Christus war Sühneopfer, weil Gott beleidigt war, dass Adam und Eva im Paradies gesündigt haben. Die neue Theologie, die auch vor allem durch den berühmten Abelard in Paris entwickelt worden ist, sagt: Nein, Gott hat seinen Sohn auf die Erde geschickt, damit er aus Liebe für die Menschen stirbt, um sie aus Liebe zu erlösen, und genau diese Theologie hat Hildegard von Bingen aufgenommen in ihren Büchern. Insofern ist sie eine ganz moderne Theologin.

In ihren Schriften tauchen auch heute aktuelle Fragen wie Umweltverschmutzung, Kriege und Integrationsfragen auf… In welchen Punkten war sie ihrer Zeit voraus?

Man muss natürlich sehr vorsichtig sein mit der Gleichsetzung heutiger Probleme wie Umweltverschmutzung mit denen im Mittelalter, man muss schon auch die Unterschiede sehen, so wie Hildegard von Bingen auch keine Ärztin war.

Sie hat Rezepte aufgeschrieben, die zum Teil sehr modern klingen, die zum Teil auch sehr gut sind, wie man Kopfschmerzen bekämpfen kann und andere Dinge. Sie war aber auch jemand, der geschrieben hat: man muss Angst haben vor den Pharmen, weil in denen der Teufel sitzt, das heißt, sie war auch ein Kind ihrer Zeit.

Aber sie hat eben auch da als Vorreiterin die Entwicklung aufgegriffen in den Naturwissenschaften, die damals erst entstanden, indem sie sagte: Wir reden nicht nur von Wundern Gottes, Gott hat viele Wunder geschaffen, aber wir sind neugierig und wollen auch wissen, wie manches funktioniert, zum Beispiel Blitz und Donner.

Oder sie hat sich sehr ausführlich mit den Fischen in der Nahe beschäftigt, und insofern kann man auf diesem Umweg auch sagen, sie war modern, weil sie gesagt hat: Wir brauchen diese Fische, wir brauchen die Natur, aber sie hat nicht von Verschmutzung gesprochen. Sie sagte: man muss die Natur hochhalten, nicht nur weil sie von Gott geschaffen ist, sondern weil sie für den Menschen nützlich ist usw. Das gilt eben auch für den medizinischen Bereich. Aber Hildegard nur auf ihre Rezepte für Dinkelplätzchen o.ä. festzulegen, wäre natürlich ein viel zu enger Ansatz.

Glaube und Vernunft – gingen die in Hildegard von Bingen eine perfekte Liaison ein?

Ja! Oder zumindest annähernd. Und das sagt sie auch in ihren Büchern, was ihre Prophezeiungen betrifft und ihre Visionen. Sie hat großen Wert darauf gelegt und immer wieder geschrieben: Ich habe sie bei klarem Verstand gehabt und mit offenen Augen erlebt, insofern ist die Hildegard von Bingen auch keine Mystikerin. Mystikerinnen sind zwei Generationen später, Meister Eckhart und die Nonnen in seinem Kreis, die in Trance fielen und hinterher darüber erzählt haben. Hildegard von Bingen sagte: Ich war bei klarem Verstand. Und sie hat immer wieder auf die Vernunft zurückgegriffen – das macht eben auch ihre Modernität aus.

Hildegard von Bingen war hochgebildet, war aber auch vor allem eine Frau, die schrieb, die ihren Visionen, Gedanken und Botschaften Ausdruck zu geben verstand. Klöster waren damals Bildungszentren, ungewöhnlich war aber dennoch das Selbstbewusstsein, die Selbstverständlichkeit, mit der sich Hildegard in den Strukturen der kirchlichen Hierarchie zu Wort meldete und bewegte. Inwiefern war Hildegard von Bingen auch eine Politikerin?

Ja, das ist sehr richtig gesehen. Sie war zwar einerseits provokant, indem sie zum Beispiel in ihrem ersten Buch schreibt: Ich erhielt die Einsicht in die Schriftauslegung von Gott und in die Evangelien. Gott habe ihr gesagt, sie solle predigen. Das hat sie dann vor dem Domkapitel in Köln dann auch getan, ein ungeheurer Tabubruch – und im übrigen auch im 21. Jahrhundert noch nicht üblich in der katholischen Kirche.

Gleichzeitig aber war sie klug und auch diplomatisch, sie wollte nicht als Hexe verbrannt werden, so revolutionär manches war. Sie hat sich politisch angepasst. So hat sie zum Beispiel nicht Stellung genommen zu den päpstlichen Kriegen in ihrer Zeit. Und sie war immer eine Gesprächspartnerin für Kardinäle und den Kaiser, eben weil die wussten, dass sie es mit einer nüchternen und realistischen Person zu tun haben, die am Ende der Kirche auch nicht schaden will, sondern etwas durchsetzen will. Das kann man klug nennen.

Viele nannten Hildegard von Bingen schon zu Lebzeiten Heilige. Joseph Ratzinger hat sich in seiner Zeit als Professor in Bonn intensiv mit dem Leben und den Schriften der Mystikerin beschäftigt. Sas sind die tiefer liegenden Gründe, warum es so lange gebraucht hat, bis sie in der Weltkirche als Heilige anerkannt wurde?

Interessant ist ja, dass auch zum heutigen Zeitpunkt immer wieder Theologen und Kirchenmänner, die es besser wussten, von der heiligen Hildegard gesprochen haben, was sie aber nicht war. Ich glaube, das hat etwas mit der Funktion der Heiligkeit zu tun.

Nach ihrem Tod, sie ist 1179 mit 81 Jahren gestorben, hat es 50 Jahre gedauert, und dann ist ein Heiligsprechungsprozess in Rom in Gang gekommen. Das Mainzer Erzbistum war dafür zuständig, man hat in Bingen, in ihrem Kloster, die Nonnen befragt, man hat Wunder aufgezeichnet, die ja nötig sind. Dann ist das ganze Paket nach Rom geschickt worden, und im Jahr 1233 kam wieder alles von Rom zurück mit dem Zusatz: Es gibt nicht genug Wunder der Hildegard, bitte noch einmal die Nonnen befragen.

Die Nonnen haben dann etwas getan, was glaube ich sehr im Sinne der von Bingen war; sie haben den Boten in Rom gesagt: wir haben nicht mehr Wunder, und damit ist es im Sande verlaufen. Das ist die äußere Entwicklung.

Ich glaube, dass um diese Zeit, 1233, sozusagen das Ideal der Hildegard von Bingen, das sie verkörperte – eine selbstbewusste Frau mit vielen Qualitäten, sie war ja auch Komponistin, Managerin ihres Klosters – dass das alles völlig in den Hintergrund rückte, denn in diesen Jahren waren andere Ideale in der Kirche und in der Gesellschaft lebendig, zum Beispiel Franziskus von Assisi etc., die um diese Zeit ganz schnell heilig gesprochen wurden.

Das waren Menschen, die in Armut lebten, die bescheiden waren, die im Hintergrund sein wollten. Und genau das war Hildegard von Bingen nicht, und so ist sie sozusagen aus der Zeit gerutscht, während ich glaube, wenn die Kirche sie jetzt aufnimmt – allerhöchste Zeit – dann nimmt sie damit auch ein modernes Bild von Frau auf, das in der Galerie der Heiligen auch sehr gefehlt hat.

 

(Das Interview wurde gesendet auf Radio Vatikan und erschien ebenso bei Weltbild. Erscheinungsdatum: Oktober 2012)

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