Chinas Religionspolitik im Wandel

In China sind offiziell fünf Religionen anerkannt: Buddhismus, Daoismus, Islam, Katholizismus, Protestantismus. Alles andere gilt als „Aberglauben“ oder Häresie. Alle Kultstätten und das gesamte kirchliche Personal müssen amtlich „registriert“ sein. Jedoch haben sich bei allen fünf Religionen Gruppen gebildet, welche sich der Kontrolle und Bevormundung durch den Staat entziehen.

Das „offizielle“ Gesicht der Religion habe ich in Peking ja schon gesehen, jetzt will ich auch die andere Seite genauer unter die Lupe nehmen. Bei den Christen ist das die Gruppe der Katholiken in China, die sich dem Papst in Rom nahe fühlen – sie werden auch „Untergrundchristen“ genannt – , auf protestantischer Seite sind es die „Hauskirchen“. In Peking treffe ich einen Journalisten, der sich sehr gut in Chinas religiöser Szene auskennt und mit vielen Christen in Kontakt stehen soll, die sich den staatlichen Religionsgemeinschaften entziehen. Den Namen des Journalisten spare ich hier aus.

DSC02071   Laut Angaben des Mannes, er ist Amerikaner, sind von etwa 12 Millionen Katholiken weit über die Hälfte in nicht-kirchlichen Strukturen aktiv. Obwohl sie nicht anerkannt sind, praktizierten sie ihre Religion mit Messen und Sakramenten, aber eben meistens versteckt: „Sie beten meistens in privaten Häusern. Ich selbst habe nur Fotos gesehen, denn ich will niemanden gefährden, indem ich da hin gehe. Die Messe findet zu Hause statt, der Priester kommt dorthin. Er trägt ein Messgewand, hat einen Kelch, alles ist sehr einfach. Da sind dann eine Handvoll Leute, vielleicht fünf, sechs. Manchmal nutzen Untergrundkirche und Patriotische Kirche auch dieselbe Kirche; zumindest in den offeneren Provinzen.“

Die Untergrundgemeinden speisten sich aus Gläubigen, die in der Vergangenheit unter staatlicher Verfolgung und Unterdrückung gelitten haben, erklärt der Mann weiter: „Seit Mitte der 50er Jahre wurden viele chinesische und zuvor auch ausländische Priester ins Gefängnis gesteckt, sie wurden gefoltert, geschlagen und einige von ihnen wurden auch getötet. Aber sie blieben dem Vatikan gegenüber loyal. Jetzt haben wir eine Situation, wo die Linie zwischen staatstreuer Seite und Untergrundkirche verschwimmt.“

Muss man sich die Grenzen zwischen dem „offiziellen“ und „inoffiziellen“ Christentum in China also fließend vorstellen? Durchaus. Der Journalist gibt dafür ein Beispiel: „Ich habe eine katholische Bekannte in Peking, die vom Lande kommt. Sie arbeitet in einem Blumenladen. In Peking geht sie zur Messe in die staatlich anerkannte Kirche. Wenn sie aber nach Hause aufs Land fährt, dann geht sie nur in die Untergrundkirche. Es gibt auch einige Orte, an denen sich der Untergrundbischof und der staatlich anerkannte Bischof das gleiche Pfarrhaus teilen; der eine macht dann Messe, der nächste zu einem anderen Zeitpunkt. Die patriotische Vereinigung will die ganze Kirche kommunistisch machen. Aber ich denke, das Gegenteil passiert: Die Untergrundkirche wird immer sichtbarer und etablierter.“

Der Amerikaner erzählt weiter,  dass er selbst fast täglich Emails erhalte, in denen nicht-staatlich anerkannte Christen in China über Benachteiligungen und/oder Diskriminierungen berichten. Der Umgang der Behörden mit diesen Christen sei aber je nach Region unterschiedlich: „In einigen Gebieten wissen die Behörden von Untergrund- und Hauskirchen und tun nichts, in anderen gehen sie hart gegen sie vor. In Hebei hört man zum Beispiel regelmäßig von Priestern und Nonnen, auch auf protestantischer Seite, die verhaftet (…) werden.“

Um dieser Situation entgegenzuwirken, könnten auch die Bemühungen des Vatikans nicht viel ausrichten, denkt der Journalist: „Alle Paar Jahre hören wir Gerüchte, dass der Vatikan mit Peking neue Bande geknüpft hat, aber selbst wenn er das tut, gibt es Probleme. In den Gebieten, wo früher Bischöfe verhaftet wurden, sitzen heute die Bischöfe der Patriotischen Vereinigung. Und die Leute, die heute am meisten leiden wie zum Beispiel in der Provinz Hebei, sind darüber nicht glücklich: Die neu Gewählten sind oft keine wirklichen Katholiken. Sie gehörten zur kommunistischen Bürokratie und haben schlechte Dinge getan.“

DSC02076  Der Vatikan bemüht sich um Einheit der chinesischen Gläubigen, offiziell gibt es aber keine diplomatischen Beziehungen zwischen Rom und Peking. Das Verhältnis verschlechterte sich sogar im Jahr 2000, als Benedikt XVI. chinesische Märtyrer kanonisierte. Das Datum fiel auf den chinesischen Nationalfeiertag – und das wurde in Peking als Affront gesehen. Wegen solcher Stolpersteine kann von „Dialog“ zwischen beiden Staaten bisher keine Rede sein. Natürlich gebe es auch innerhalb der patriotischen Vereinigung gute Priester, räumt der amerikanische Journalist ein. Viele stehen auch zwischen den Stühlen und müssen großen Druck in dieser Position aushalten. Klar sei in jedem Fall, dass der Papst hier vor einer großen Herausforderung stehe: „Wie kann man also diesen Konflikt lösen, ohne dass mindestens eine Seite leidet?“

 

DSC02006  Ich lasse die Eindrücke zu diesem Thema noch einmal Revue passieren. Duldung nicht registrierter Kirchen in der Provinz, anderereits offenbar Unterdrückung und Diskriminierung romtreuer Christen; Jesuiten als Brückenbauer zwischen den Kulturen anerkannt, andererseits immer wieder Spannungen mit dem Vatikan; Verständnis für religiöse Bedürfnisse der Sinnsuche, auch in Chinas Politkader, andererseits immer wieder Kontrolle und Misstrauen – auf einen einzigen Nenner lässt sich die Haltung der chinesischen Führung zur Religion nicht bringen. Man könnte auch wohl noch viele weitere Kontradiktionen anführen, die zu diesem Bild passen.

Wandel in Chinas Religionspolitik

Dennoch – es bewegt sich was. Chinas zunehmendes Bemühen, sich der Welt kosmopolitisch und weltoffen zu zeigen, Harmonie nach innen und außen zu präsentieren, schlage sich auch in der Religionspolitik nieder. Das schreibt der amerikanische Soziologe und China-Experte Richard Madsen. In einem Artikel, der kurz vor Beginn der Weltausstellung in Shanghai im Frühjahr 2010 erschien, zeichnet er einen Wandel in Chinas Umgang mit der Religion nach.

„Der Hauptslogan des derzeitigen Regimes betont immer wieder die Gestaltung einer harmonischen Gesellschaft, ein Begriff mit konfuzianischen Anklängen. Man sagt, das hänge vor allem mit sozialer Stabilität zusammen. Was Religion betrifft, so scheint dieser neue Ansatz mehr den großen Ming- und Quing-Kaisern verpflichtet als Mao Zedong. In dieser Epoche findet man eine viel größere Toleranz gegenüber manchen Religionsformen als während der Ära Maos und während der ersten zwei Jahrzehnte der Reform-Ära. Doch dieses Verständnis von Religionsfreiheit ist ein anderes als das der westlichen liberalen Tradition.“

Denn Religion sei in China eben nur akzeptiert, sofern sie in vorgesehenen Institutionen abseits von Wirtschaft und Politik als privater Glaube gelebt würde. Religiöse Gruppen mit dem Potential zur politischen Konfrontation oder Organisation würden dagegen ungern gesehen, so Madsen. Religiöse Vielfalt sei als Zersplitterung willkommen: 

„Wie früher der kaiserlichen Regierung kommt der herrschenden kommunistischen Partei ein Polytheismus gelegen, dessen Mannigfaltigkeit von lokalen Kulten die ländliche Gesellschaft gespalten hält und sie für Massenaktionen unempfänglich macht. Christliche Gemeinden stellen ein größeres Problem dar, denn sie praktizieren eine ausländische Religion, die nicht als Teil des chinesischen Kulturerbes betrachtet wird. Doch sofern sie sich um tatkräftige Integration bemühen, was praktisch besagt, dass man zu dem Prinzip steht, das die Regierung führt und die Religion folgt, werden sie akzeptiert.“

Welchen tieferen, historischen Grund könnte diese Haltung gegenüber der Religion haben? Darüber spreche ich mit Pater Roman Malek, einem China-Experten vom Dokumenta Serica Institut Sankt Augustin.

Immer eine angelehnte Religion

Schon in der Han-Zeit sei es zur Verfolgungen von Buddhisten, christlichen Nestorianern und Daoisten gekommen, berichtet er. Die Wurzel des Problems liege in einer religionsfeindlichen Haltung des Konfuzianismus, der sich in der Han-Zeit um 200 vor Christus mit dem Kaisertum zur rigiden Staatsorthodoxie verband und die spätere Religionspolitik grundlegend prägte: Religiosität und Religion müssten sich in Chinas seitdem immer der Staatsorthodoxie unterordnen:

„Die Religion muss sich einklinken in diese Staatsorthodoxie, damit sie überhaupt existieren kann. Es gibt keine Autonomie der Religion in China. Und das ist nicht kommunistisch, bzw. heutzutage nur bedingt, sondern es ist traditionell! Keine Religion kann in diesem Sinne autonom existieren ohne Rücksicht auf die Staatsorthodoxie. Das bedingt z.B. auch, dass die Religion in China keine prophetische, keine kritische Funktion hat, sie musste sich immer unterordnen, anlehnen an die Staatsorthodoxie.“

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