China und die Religion: Eine Reise

REISE UND REPORTAGE / Anlässlich seines 400. Todesjahres wurde im Jahr 2010 Matteo Riccis Wirken im Reich der Mitte gedacht. Welche Aktualität hat der italienische China-Missionar und Jesuit heute in China? Dieser Frage bin ich auf einer Reise durch China im Gespräch mit Kirchenleuten, Journalisten, Wissenschaftlern und Gläubigen nachgegangen und habe nebenbei so manches über die chinesische Religionspolitik erfahren.

Matteo Ricci „Superstar“?

„Matteo-Ricci? Ich nenne ihn den Superstar des Jahres 2010“, sagt Nailene Chou Wiest, Journalismusprofessorin in Beijing. Sie hält ein bekanntes chinesisches Magazin vom Sommer 2010 in die Luft; auf der Titelseite: Der Jesuit und Chinamissionar Matteo Ricci, im typischen Gewand eines chinesischen Gelehrten. „Das war überraschend und wäre letztes Jahr wohl noch nicht möglich gewesen. Es zeigt, dass in China alles möglich ist, dass dieses Land voller Überraschungen steckt“, sagt sie und lacht.

Wiest beobachtet Chinas Medienlandschaft genau. Im 400. Todesjahr von Matteo Ricci ist der Europäer ein gültiger Bezugspunkt, meint sie. Er habe in einer Zeit gelebt, in der China florierte, Selbstvertrauen hatte, empfänglich für Ausländer und westliche Einflüsse war. Das sei doch fürs Heute auch ein gutes Omen:

„Vor ein Paar Jahren war Ricci in den Massenmedien absolut kein Thema. Nur an Universitäten und Forschungsinstituten wurde zu ihm gearbeitet. Die chinesische Regierung konnte einige Bereiche seiner Geschichte einfach nicht akzeptieren! Es hat lange gedauert, bis er aus der akademischen Ecke heraus- und in der Populärkultur ankam.“

Kulturbringer ja, Missionar nein

Bibiana von der katholischen Nachrichtenagentur „Ucanews“ mit Sitz in Hongkong hat eine etwas andere Erklärung dafür, dass Ricci die Chinesen interessiert: „Der Grund, warum sich viele Intellektuelle und auch Nicht-Akademiker heute auf Ricci konzentrieren, ist, dass sie nichts über die Kirchengeschichte der letzten 50 Jahre erfahren können. Bei Ricci sind es 400 Jahre, das liegt lange zurück.“ Und ihre Kollegin Lucia ergänzt: „Natürlich ist Ricci in katholischen Kreisen sehr berühmt. Die normalen Leute kennen ihn aber nicht wegen seiner Religion, sondern wegen der Dinge, die er aus dem Westen mitgebracht hat. Wie zum Beispiel die westliche Wissenschaft. Anlässlich des 400. Todesjahres gab es viele Veranstaltungen – in Hongkong, Taiwan und auch China. Für die jungen Leute ist Ricci Beispiel von Dialog.“

Ricci als Brücke zwischen Ost und West, als Botschafter Europas und erster „Weltbürger Chinas“ – so wird der Jesuit heute in China vor allem erinnert. Das zeigt die zwei Millionen teure Wanderausstellung zu „Li Madou“, wie die Chinesen Ricci nennen, zu Jahresbeginn im Pekinger Hauptstadtmuseum und jetzt auf der Expo in Shanghai zu sehen. Als Missionar tritt Ricci in der italienisch-chinesischen Gemeinschafts-Schau nicht in Erscheinung; sein Geschick rund um Wissenschaft und Technik stehen im Vordergrund und wird durch Meisterwerke von Raphael, Tizian und andere Exponate veranschaulicht.

Heute regiert der „Gott des Geldes“

DSC01878 Ist Ricci wirklich „Superstar des Jahres 2010“ in China, wie Journalistin Wiest meint? Ist er den jungen Chinesen tatsächlich ein Begriff? Poon Siu To vom bekannten Radio „Hongkong Commercial Broadcasting“ ist da etwas skeptisch: „Ich glaube nicht. Vielleicht kennen ihn ein Paar Leute in Hongkong; hier gibt es zum Beispiel ein katholisches Wohnheim, das nach ihm benannt ist, die ,Ricci-Haal‘. Aber in Festland-China… ich weiß nicht. Hier kennt man eher Millionäre: In Hongkong ist Geld König, in China ist Geld Gott.“

Folgen wir Riccis Spuren durch das heutige China. Die nächste Station: Macao bei Hongkong, an der Südküste Chinas, das Sprungbrett der Chinamission. Dazu mehr im nächsten Kapitel.

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